Matthias Zehnder: Zwischen den Fronten – Warum ich Journalist wurde | Journalistenkongress, 16.10.26

26. Oktober 2026 von Stefan Theiler

Von der mechanischen Schreibmaschine Hermes Baby über den Röhrenmonitor mit grün blinkendem Cursor bis zur künstlichen Intelligenz: Am 5. Internationalen Journalistenkongress vom 16. Oktober 2026 in Zürich blickt der Medienwissenschaftler, Publizist und «Edito»-Verleger Matthias Zehnder auf seinen Weg in den Journalismus zurück.

Als Jugendlicher verehrte Zehnder die grossen Schriftsteller-Journalisten der Weimarer Republik: Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Egon Erwin Kisch und Erich Kästner. Auch die Schweizer Reporterin Annemarie Schwarzenbach gehörte zu seinen Vorbildern. Mit dem Schreiben wollte er die Welt verändern.

Doch seine ersten Erfahrungen auf einer Lokalredaktion lehrten ihn etwas anderes: Präzise über einen Schulsilvester zu berichten, kann anspruchsvoller sein, als einen Kommentar über die grosse Weltpolitik zu verfassen. Er entdeckte die Faszination, hinter die Kulissen zu schauen, Menschen zu befragen und Wirklichkeit möglichst genau zu beschreiben.

Zum Schlüsselerlebnis wurde eine Demonstration während der Zürcher Jugendunruhen, die auch Winterthur erreichten. Der junge Reporter geriet buchstäblich zwischen die Fronten: auf der einen Seite Jugendliche mit Pflastersteinen, auf der anderen die Polizei mit Tränengas.

Genau dort, zwischen den Fronten, sieht Zehnder bis heute den Platz des Journalismus. Nicht als Sprachrohr eines politischen Lagers, sondern als unabhängiger Beobachter, der unbequeme Fragen stellt.

Heute steht der Journalismus vor einer neuen Herausforderung: Künstliche Intelligenz produziert in Sekundenschnelle überzeugende Texte, imitiert bekannte Schreibstile und stellt damit die bisherigen Qualitätsmerkmale journalistischer Arbeit infrage.

Zehnder, der sich bereits als Wissenschaftler mit Computerlinguistik beschäftigte, sieht die Grenzen der KI dort, wo für ihn der eigentliche Journalismus beginnt: beim eigenständigen Fragen, bei überraschenden Perspektiven und beim Zugang zur Wirklichkeit.

Seine Botschaft an die Medienschaffenden lautet deshalb: Investiert nicht nur in Technik, sondern auch in eure Köpfe!

«Auf die Fragen kommt es an. Stellt Fragen.»

Aufgezeichnet am 16. Oktober 2026 am 5. Internationalen Journalistenkongress in Zürich, veranstaltet vom Verein für unabhängigen Journalismus (UJ).
https://www.verein-uj.ch

https://www.matthiaszehnder.ch

Weitere Reportagen und Gespräche: www.TTV.swiss

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