«Islam oder Islamismus?» | Stefan Weidner über eine folgenschwere Verwechslung

15. September 2026 von Elisa Gratias, Henry Sperling

Der Islamwissenschaftler und Autor Stefan Weidner spricht mit Elisa Gratias über den Islam in Europa, die Ängste, die mit ihm verbunden werden, und die Notwendigkeit, genauer hinzusehen.

Im Zentrum steht die Frage, woher die westliche Furcht vor dem Islam kommt
– und was verloren geht, wenn Islam und Islamismus gleichgesetzt werden. Das Gespräch richtet den Blick zugleich auf das Selbstverständnis des Westens und darauf, was beide Kulturen voneinander lernen können.

1. Woher kommt die Angst vor dem Islam?
Stefan Weidner sieht tiefe historische Wurzeln. Über Jahrhunderte war die islamische Welt Rivale und Gegenspieler Europas – von der Reconquista über das Osmanische Reich bis zur Kolonialzeit. Zugleich bestand immer eine starke Faszination für islamische Wissenschaft, Kunst und Kultur. Die Geschichte ist daher nicht nur von Konflikten, sondern ebenso von Austausch und gegenseitiger Beeinflussung geprägt.

2. Islam ist nicht Islamismus
Islamismus bezeichnet für Stefan Weidner eine moderne politische Ideologie und darf nicht mit dem Islam als Religion gleichgesetzt werden. Er entstand unter anderem als Reaktion auf säkulare und despotische Regime nach der Kolonialzeit.

Die Berufung auf Islam und Scharia konnte dabei auch das Versprechen von Recht und Schutz vor staatlicher Willkür bedeuten. Auch islamistischer Terrorismus in Europa ziele nicht auf eine „Eroberung Europas“, sondern vor allem auf Destabilisierung. Zugleich erinnert Stefan Weidner daran, dass westliche Staaten selbst islamistische Kräfte unterstützten – etwa die Mudschaheddin in Afghanistan.

3. Der Westen zwischen Herr und Knecht

Eine zentrale These des Gesprächs betrifft das westliche Denken in Kategorien von Herrschaft und Unterwerfung: Wer gewohnt ist, sich als überlegen zu begreifen, fürchtet bei einem Machtverlust, selbst zum Unterlegenen zu werden. Diese Angst werde auf den Islam, aber auch auf aufstrebende Mächte wie China projiziert. Dem stellt Stefan Weidner das egalitäre Grundversprechen des Islams gegenüber und erinnert daran, dass dessen historische Ausbreitung keineswegs ausschließlich durch militärische Eroberung erfolgte.

4. Das Fremde als Bereicherung
Stefan Weidner beschreibt den Islam zugleich als Spiegel für westliche Gesellschaften. Gastfreundschaft, familiärer Zusammenhalt, Spiritualität und kulturelle Verwurzelung können Fragen nach der eigenen Vereinzelung und dem Verlust von Sinn aufwerfen. Umgekehrt schätzen viele Muslime die Freiheiten westlicher Gesellschaften.

Der „Kampf der Kulturen“ muss deshalb kein Kampf sein, bei dem eine Seite siegt.
Er kann als produktive Begegnung verstanden werden. Selbst „Tausendundeine Nacht“ ist in seiner heutigen Form Ergebnis einer kulturellen Wechselwirkung zwischen Orient und Okzident.

Die Begegnung mit dem Fremden, so die Perspektive des Gesprächs, ermöglicht auch einen neuen Blick auf das Eigene. Statt Islamdebatten von Angst und Abgrenzung bestimmen zu lassen, plädiert Stefan Weidner für Differenzierung, Neugier und Austausch – und für die Erkenntnis, dass die Debatte über den Islam oft mindestens ebenso viel über Europas eigene Ängste und Sehnsüchte erzählt.

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